|
Friesack. Ein kleines, verschlafenes Dorf westlich von Berlin in Brandenburg. In einer Senke gelegen ist das Gelände leicht sumpfig, unterbrochen von kleineren Wäldern und den typischen westeuropäischen Nutzflächen. Die Bushaltestellenschilder haben noch den winkenden Walter Ullbrich gesehen. Ebenso die dortigen Müllbehälter, sorgfältig vom anliegenden Dorfbewohner mit einer blauen Mülltüte versehen. Seltsame Relikte einer untergegangen Epoche, überstülpt mit dem blauen, nach Füllung verschließbarem, Wohlfühlplastik der westlichen Siegermächte. Kurzum: Ein normales ostdeutsches Kaff.Wäre da nicht dieses eine Wochenende im Oktober. Unbemerkt vom Nutzvieh, aber bestaunt von deren Besitzern, werden nun vollbeladene, mit Balken und Brettern versehene Kleinbusse und Kombis gesichtet. Der Asphalt, der sonst gefahrlos von Froschherden überquert wird, vibriert unter den in mattem Schwarz oder Camouflage gehaltenen Fahrzeugen. Dezent gitarrenlastige Musik dringt aus den trotz 3 Grad Außentemperatur heruntergekurbelten Fenstern. Hunde werden hereingerufen, verlassene Kinderschaukeln schwingen aus, Rollläden schließen sich, um sich für die nächsten zwei Tagen nicht mehr zu öffnen. Nur ein Ort füllt sich stetig: Die Friesacker Freilichtbühne.
Gelegen am Ortsrand bietet diese eine hervorragend ebene, große unversumpfte Fläche. Teilweise bestanden von Eichen und an zwei Seiten von einem teilweise 20 Meter hohen Wall umgeben. Seit vier Jahren wird hier im letzten Viertel des Jahres mittelalterlich gezeltet. Als kommerzieller Markt eröffnet, inzwischen seit zwei Jahren von Uwe Schirm als internes Saisonabschlusslager organisiert. Wie sich aus der Einleitung schließen lässt, halten sich Besuche von Touristen und Schaulustigen sehr in Grenzen, was sehr zur gemütlichen und gemeinschaftlichen Atmosphäre beiträgt. Alles in allem fanden sich 70-80 Kämpfer, inklusive Tross ca. 150 bis 200 Personen an. Das Spektrum erfasste alle mittelalterlichen Epochen. Das Frühmittelalter stellte allerdings freundlicherweise den größten Posten an Kämpfermaterial (Semnonen, Eberswalder, Bernsteinring, Sleipnir-Sippe, Solheim-Sippe, Norddeutsche Einwic Vertreter, Wargaz Vertreter, Freystatt - um nur einige zu nennen; Nichterwähnte mögen mir vergeben).
Nach einer kurzen, kalten Nacht, aber von Sonnenschein geweckt (die glückliche, trockene Wetterkonstellation an diesem Samhain-Wochenende möchte hiermit löblich erwähnt sein), kroch man dann zum Training.
Begonnen wurde mit den Muskel aufwärmenden Linienkämpfen, die sich anfangs als durchaus ausgewogen gestalteten. Nachdem sich in der zweiten Hälfte die „Semnonen“ zur homogenen Masse zusammengeschlossen hatten, um (verständlicherweise) den nötigen Zusammenhalt zu trainieren, verlagerte sich das Kräfteverhältnis zusehends. Wer noch stand, wurde immer wieder von hinten vom „Furor Semnonicus“ abgeräumt. Doch wie sagte schon einst Erik der Zahnlose: Wer nicht stirbt, lernt nichts und wer ständig überlebt, lernt erst recht nichts. Also wurden fröhlich weiter Oberarme und Oberschenkel verbläut, die eine oder andere Wange in Mitleidenschaft gezogen, das ein oder andere Nasenloch mit abgerundeten Spitzen erweitert (der Autor nutzt die Gelegenheit zeigt bei dieser auf das seinige, also das Linke). Nach einigen kleinen (aber trotzdem viel zu langen) Pausen ging man im zweiten Teil des Tages zu den Einzelkämpfen über. Da es aber viel zu schnell dunkel wurde, begab man sich bald darauf zur eigenen Lagerstätte. Der Abend klang aus mit einer kleinen Feuerdarbietung und einem keltischen Samhain-Ritual. Leider ist hier die Quellenlage etwas dürftig, so dass es mir leider nicht möglich ist, über jenes zu berichten.
Es folgte eine noch kältere Nacht. Erfrorene Met-Opfer wurden dezent über den Wall entsorgt. Das Training begann etwas später, als am letzten Tag. Wie immer war die Zahl der teilnehmenden Kämpfer durch Abreisen und Restalkohol um die Hälfte ausgedünnt (über unangenehme Gesetzmäßigkeiten beim Reenactment, schweigen wir uns an dieser Stelle einmal aus), was der Qualität beim nun praktizierten Brückenkampf keinerlei Abbruch tat. Ein erstaunlich ausgeglichenes, faires, verletzungsfreies Bewegungsspielchen nahm seinen Lauf und endete erst, als die ersten Zelte fielen und die ersten mattschwarzen Transporter aufs Feld rollten.Ein wirklich schönes, durch besondere Herzlichkeit untereinander (wirklich!) und Bewegung entspannendes Wochenende nahm also so sein Ende. Die kleinen Mülleimer an den Friesacker Haltestellen versanken unter manchem Sack mit Glaspfandflaschen, manch ein Rollladen öffnete sich erst vorsichtig, dann vollständig und langsam setzte auch wieder Hundegebell ein.
Fazit: Eine wirklich gute Gelegenheit für Kämpfer vor dem Winter in größeren Truppen zu trainieren und noch einmal Marktluft bis zum Frühjahr zu schnuppern. Die Kämpfe waren normal bis mittelhart, der Umgang jedoch immer freundlich und entspannt (andere Vorgänge entziehen sich meiner Kenntnis). Wie immer waren für mich persönlich die Einzelkämpfe und die Brückenkämpfe am attraktivsten, da diese, was Tempo und Dauer angeht einfach wesentlich reizvoller sind. Es ist eben schöner zu sehen, von was und von wo man getroffen wird.Unangenehm aufgefallen ist mir die Tatsache, dass beim Linienkampf von mehreren kein Helm getragen wurde. Was aber noch schlimmer war, war die Tatsache, dass auf einem Kampftraining auf dem zu 98% auf möglichst ambientetaugliche Kleidung geachtet wurde, ein Teilnehmer mit Splitterschutzweste, Thermojogginghose und Trainingsjacke und ein anderer mit Basecap (!) zum Gambeson das Training vollzog. Ich glaube, man muss nicht Archäologie studiert haben, um zu wissen, dass dies unangemessen ist. Schließlich war dies kein Hallentraining, bei dem so etwas vollkommen Schnurz ist. Und das wusste man vorher. Doch können diese Kleinigkeiten bei mir nicht dazu führen, meinen Daumen von oben nach unten zu richten. Ein wirklich großartiges Trainingswochenende in gemütlicher, entspannter Atmosphäre (an dieser Stelle nochmal Grüße an Uwe Schirm, der für 5 Tacken pro Person alles fein organisiert hat).
Verfasser: Lokeric „Lohky“ Fjaedersson - Sleipnir-Sippe |
Kommentare
gruß an alle. nordger / semnone
Hat aber Spass gemacht!
ja Friesack fand ich auch im großen und ganzen super, dazu hat das Wetter natürlich seinen Teil beigetragen zum andern wars für mich seit Langem mal wieder die Möglichkeit Heimatluft zu schnuppern und in etwas größerer Runde zu kämpfen.
Was ich n bischen vermisst habe, war der Zusammenhalt beim Lienienkampf war son bischen jeder für sich.
Ohne das hohe Sicherheitsbedü rfnis der vielen dick Gepanzerten belächeln zu wollen war ich dennoch etwas überrascht auf soviele Könige zu treffen, vieleicht liegt das aber auch daran das ich reichlich oft weg grödelt wurde von diesem ohne zweifel ansehnlichen Panzersturm.
Wie oben schon bemerkt, ich hatte meinen Spaß und daran war nicht nur das Wetter schuld.
weiterhin maximale kampferfolge
wir waren leider nur zu zweit in Friesack und sind einen Tag geblieben. Wir werden diese Veranstaltung auf jeden Fall für das nächste Jahr mit einplanen und dann mit Sack und Pack kommen. Es war auf jeden Fall sehr geil und eine gute Gelegenheit nochmal vor der Zwangs-Winterpause mit verschiedenen Gruppen zu trainieren. Und man konnte nochmal Freunde und Kampfgefährten treffen und auf das kommende Jahr anstoßen.
Gruß
Robbenklopper
Wargaz Vikings
Die Liudolfinger Mannen wären nächstes Jahr gerne wieder dabei.
Danke nochmals an UWE für das tolle Event.
Friesack war mal wieder super toll und das kämpfen hat spass gemacht, auch muss ich loki recht geben - zu wenig helme auf´m feld, denn sicherheit geht vor - selbst wenn der kopf keine trefferzone ist, hat es doch ein paar kopftreffer gegeben und ich persönlich bin dann froh, wenn ich meine eisenommel nicht vergessen habe!
Alle Kommentare dieses Beitrages als RSS-Feed.